Posted by on Sunday, October 26, 2014 in All, Ein Bild | 0 comments

 

CMOX_GAL_00086
 

Aufnahmedatum 16. August 2014, 18:00 Uhr
Aufnahmeort Mischelikirche, Reinach BL, Schweiz
Kamera Nikon D7100
Objektiv Nikon 10-24mm f/3.5-4.5 @ 18mm
Belichtung f/5.0, 1/200s, ISO 100
Blitz
Postprocessing Lightroom, Nik SilverEfex, Nik Sharpener

 

Bildbeschreibung

Das s/w Bild zeigt die reformierte Mischelikirche in Reinach BL mit dem 2014 fertiggestellten Neubau des Kirchgemeindehauses. Die im Aussenbereich ausschliesslich in Eisenbeton gestaltete Kirche wurde vom Zürcher Architekten Ernst Gisel geplant und 1963 eingeweiht. Die Kirche besteht aus mehreren ineinander geschachtelten Kuben, die wenigen Fenster treten als sehr kleine Rechtecke in Erscheinung. Das Kirchgemeindehaus wurde 2014 eingeweiht und vom Architektenduo Yves Stump und Hans Schibli realisiert. Auch die Aussenhaut des Kirchgemeindehaus ist ausschliesslich in Beton gehalten – einige grosse Fensteröffnungen brechen die Fassade etwas auf. Im Vordergrund ist die Baugrube für den Neubau einer Alterswohnsiedlung zu sehen. Die Baugrube ist durch einen teilweise fast in die Baugrube kippenden Bauzaun vom Kirchengelände abgegrenzt. Der Hintergrund wird durch Bäume und den grau bewölkten Himmel gebildet. Die Abendsonne vermag die Wolkendecke zwar nicht ganz zu durchbrechen, lässt aber einige Wolkenpartien grell erleuchten. Der Kirchturm ragt über die Bäume in den Himmel hinein.
 

Bildaufbau, Komposition

Das Bild hat einen strengen, horizontal gebänderten Aufbau. Von unten nach oben sind die Bänder: Baugrube, die beiden Baukörper Kirchenschiff und Kirchgemeindehaus, ein dünner Streifen Wald, und zuoberst der Himmel. Letzterem wird weit mehr Raum gewährt, als ihm eigentlich nach der Drittelsregel zustehen würde.

Ein Objekt durchbricht diese horizontale Bänderung wuchtig – der Kirchturm. Während sein Fuss nur hinter dem Kirchgemeindehaus vermutet werden kann, ragt er oben deutlich in den Himmel hinein. Der Turm zieht sofort die Aufmerksamkeit auf sich – er ist das dominierende Bildelement. Seine zentrale Bedeutung wird noch betont durch die Form der Baugrube. Diese bildet von beiden Seiten eine Rampe, deren höchster Punkt unterhalb des Kirchturms zu liegen kommt. Fast wie ein Pfeil deutet sie auf den Kirchturm. Auch die kleinen Lichtfassungspyramiden auf dem Dach des Kirchgemeindehauses scheinen zum Turm aufzuschauen.

Der Turm zerteilt die Szene mehrfach. Links: Kirchgemeindehaus (Administration, weltliche Versammlungsräume), rechts: Kirchenschiff (sakraler Versammlungsraum der Gemeinde). Hinten: Wald (Natur), vorne: Baugrube (Eingriff des Menschen). Unten: Erde, oben: Himmel.

Die verschiedenen Grautöne sind nicht weit entfernt von der (farbigen) Realität der Szene. Der Beton – grau. Der Himmel – ein aufgewühltes Grau. Die Baugrube – graubrauner, kiesiger Boden. Einzig die Bäume würden grün sein.
 

Warum mir das Bild gefällt

Die Stimmung, welche mir das Bild vermittelt, ist sehr unangenehm. Mit aller Macht scheint sich der Turm als sicherer Anker inszenieren zu wollen, aber es gelingt nicht. Er ist in Gefahr. Der aufgewühlte Himmel zeigt, dass sich etwas über der Kirche zusammenbraut. Die wärmende Sonne erreicht die Gebäude nicht mehr, man kann zwar ihre Kraft noch deutlich erkennen, aber sie verabschiedet sich. Nicht nur von oben droht Gefahr. Der aufgerissene Untergrund der Baugrube zeigt deutlich, worauf die Kirche gebaut ist – zwar nicht gerade auf Sand, aber doch auf einem instabil wirkenden Kiesboden. Die Grube selbst wirkt auch bedrohlich – schon kippt der Absperrzaun fast hinein. Die seltsam verdrehten Sperrholzplatten deuten an, dass einiges, was vom Menschen einmal gerade gebogen wurde, früher oder später schief herauskommt.

Als Mitglied deser reformierten Kirchgemeinde in Reinach erfahre ich zwar, dass die Situation wesentlich hoffnungsvoller ist, als dieses Bild vermittelt. Der Neubau eines Kirchgemeindehauses ist ja ein mutiger, selbstbewusster Schritt in dieser Zeit der Kirchenaustritte. Schon immer fasziniert hat mich auch, dass die schroffen Betonelemente der Mischelikirche einen wunderbaren, überraschend hellen, warmen, Innenraum bergen, der eine Konzentration auf das Wesentliche leicht möglich macht. Trotzdem deutet das Bild eben das Ende alles Irdischen an, das manchmal näher liegt als befürchtet.